"Hass im Herzen"

Haiger, 09.11.2010.
Rund 50 Schülerinnen und Schüler der Johann-Textor-Schule in Haiger proben schon seit einem Jahr das Stück "Hass im Herzen". Vorlage ist der gleichnamige Roman von Margret Steenfatt. Unter der Leitung von Martina Langenbach und Jürgen Poggel studierten die Wahlpflichtkurse "Darstellendes Spiel" und "Chor/Ensemble" der zehnten Klassen in den letzten Wochen intensiv das Stück ein. Dabei haben die Schüler nicht nur die Aufführung geprobt, sondern auch das Bühnenbild entworfen. Auch für die Licht- und Tontechnik waren sie selbst zuständig.

Im Rahmen des Gesellschaftslehre-Unterrichts hatten sich die Jugendlichen mit dem Thema Nationalsozialismus früher und heute auseinandergesetzt. Im "Haus der Geschichte" in Bonn wurde das Thema noch stärker in das Bewusstsein der Schüler gerückt. Die hatten sich das Thema für die Theateraufführung auch selbst ausgesucht und als sie eine Bühnenfassung zu "Hass im Herzen" fanden, war schnell klar, dass es dieses Stück sein sollte.

Martina Langenbach betonte im Vorfeld: "Da sich das Stück sehr nahe an der Lebenssituation von Neonazis orientiert, ist es uns enorm wichtig, darauf hinzuweisen, dass wir dies nur aus Gründen der Authentizität so realistisch darstellen. Wir wollen ganz sicher keine Plattform für Rechte und Neonazis bieten."

Schon Tage vor der ersten Aufführung der Musiktheaterproduktion, gab es aufgrund der unerwartet hohen Nachfrage keine Karten mehr für die Vorstellung am Samstagabend. Dr. Gerald Lohwasser, Direktor der Johann-Textor-Schule, begrüßte rund 250 Zuschauer sehr herzlich und überreichte ein Präsent an Jürgen Poggel. Dieser hatte nicht nur viel Freizeit in das Projekt investiert, sondern auch seinen Geburtstag dafür geopfert. "Sie sehen hier Lehrer, die samstags arbeiten. Das straft so manchen Politiker Lügen, welche über Lehrer anderes verbreiten.", beendete Lohwasser seine Begrüßung. Zu Beginn der Aufführung wiesen die Schüler ausdrücklich daraufhin, dass das rechtsradikale Gedankengut, das auf der Bühne geäußert werde, nicht ihrer Gesinnung entspreche.

Die Geschichte handelt von Mario Kaminski (Tom William Köhler), der mit seiner Mutter (Juliane Messing) und deren Freund (Tim Burk), sowie seiner Schwester (Johanna Rabe) in einer Großstadt aufwächst. Mario ist einsam und findet eine Gang, zu welcher er unbedingt gehören möchte. Um den Skins Henne (Jonas Focking), Timo (Yannik Ohlenburger), Conny (Leonie Henrich), Terry (Julia Pryga) und Chris (Tim Yannik Linder) zu imponieren, stiehlt er einen Lastwagen. Nun braucht er nur noch die passenden Klamotten und mit Springerstiefeln und Bomberjacke gehört er zur "Legion Nord".

Zwischen Mario und Conny entwickelt sich eine Liebesgeschichte. Während einer Zugfahrt der beiden, kommt es immer wieder zu Pöbeleien. So provoziert Mario den Türken Mehmet (Kemal Zurnacioglu), woraufhin dieser Marios Freundin Conny als "Hure" bezeichnet. Danach kommt es zur ersten Schlägerei. Viele der Jugendlichen sind Klassenkameraden und ihre Geschichtslehrerin Frau Rosenheim (Katharina Pracht) erahnt so manche Vorgänge. Sie versucht immer wieder mit den Schülern über Themen wie die deutsche Vergangenheitsbewältigung oder über Aussiedler ins Gespräch zu kommen.

Auch Marios Mutter sorgt sich immer mehr um ihren Sohn. Ihr wird langsam klar, in welche Szene ihr Sohn abgerutscht ist. Ihr Lebensgefährte kommentiert dies mit: "Schatz, da wirst du bald Besuch von der Polizei haben."

Bild vom Theaterstück 'Hass im Herzen'

Mario und seine Clique treffen an der Bushaltestelle Kemal in Begleitung seiner Schwester wieder. Die beiden werden von der Clique zusammengeschlagen. Als Timo und Henne völlig betrunken auch die beiden russlanddeutschen Mädchen Natalia (Jana Eirich) und Olga (Julia Halfmann) angreifen, verteidigt Mario die beiden. Immer mehr kommt er ins Grübeln, ob er auf dem richtigen Weg ist. Er wird von der Clique ausgelacht, wenn er nach Hause gehen möchte, um zu lernen.

"Wir machen einen auf befreite Zone und der denkt an Mathe. Türkenklatschen macht mehr Spaß.", so ihr verächtlicher Kommentar. Oma Schneider (Isabelle Alina Otto), die Großmutter von Natalia und Olga, lädt Mario aus Dankbarkeit dafür, dass er ihre Enkelinnen verteidigt hat, zu sich nach Hause ein. Sie erzählt ihm die Geschichte der Wolgadeutschen, die aus dem Schwabenland vor 200 Jahren an die Wolga zogen. Und wie sie unter Stalin gelitten haben, weil sie Deutsche sind. "Geschichte wissen ist besser wie Geschichte leiden. Sei du selbst die Veränderung, die du dir wünschst für diese Welt." Durch die weisen Worte von Oma Schneider immer mehr ins Nachdenken gebracht, beschließen Mario und Conny, der Clique Adieu zu sagen.

Das bleibt allerdings der "Legion Nord" nicht verborgen. Sie locken Mario in einen Hinterhalt und schlagen ihn. Der Gruppenführer Westermann (Florian Christ) zückt die Pistole und erschießt Mario. "Zivilcourage ist der Mut die eigene Überzeugung zu vertreten, auch wenn sich negative Folgen für die eigene Person ergeben können." So definieren die Schüler am Ende diesen Begriff.
Untermalt wurde diese ernste und nachdenkenswerte Geschichte immer wieder vom schönen Gesang des Chores. Ob es der "Schrei nach Liebe" ist, oder von den Bösen Onkels "Bin ich nur glücklich, wenn es schmerzt", der Gesang setzte die Gefühle der handelnden Personen immer stimmungsvoll in Szene. Gesanglicher Höhepunkt war sicherlich "Heal the world", das bei vielen eine Gänsehaut entfaltete.

Nach lang anhaltendem Applaus der Zuschauer überreichte Dr. Lohwasser Blumen an Martina Langenbach und Jürgen Poggel und entließ die Zuschauer mit den Worten: "Mir fallen zu diesem Abend nur zwei Adjektive ein. Das erste ist 'erschreckend' - und damit meine ich die gesellschaftliche Wirklichkeit des Stückes. Das zweite ist 'ausgezeichnet' - ich bin stolz auf alle, die an dieser ausgezeichneten Vorstellung beteiligt sind und waren."

(Haigerer Kurier, 09.11.2010, Text: uju/s, Foto: Jung.)

Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, 11. April 2012 21:21