Einen Wodka für die Oma

Haiger, 10.10.2013.

Es waren einmal 40 Schülerinnen und Schüler der Wahlpflichtkurse "Darstellendes Spiel" und "Chor und Ensemble" der Haigerer Johann-Textor-Schule, die ihren 180 Zuschauern am Dienstagabend eine ganz und gar unromantische Märchen-Theateraufführung lieferten. Dabei spannte "Alles Märchen - Oder waaas?!" musikalisch den Bogen von "Peer Gynt Suite Nr. 1" des Komponisten Edvard Grieg bis zum "Gangstas Paradise" von Coolio.

Den Rahmen für die originellen Erzählungen über unartige Märchenprinzessinnen, Zuhälter und asoziale Mütter lieferten Moderatorin Rosy von Dorn und die beiden Märchenexperten Frau Dr. Grimmig und Prof. Dr. Dr. Angelo. Sie kommentierten humorvoll die Szenen ("Warum läuft Rotkäppchen durch den Wald und nimmt nicht den blöden Bus?") und gaben zu, dass "realistisch betrachtet, Märchen die brutalsten Geschichten überhaupt sind".

Für ihre märchenhafte Aufführung wurden die Darsteller vorn Publikum mit viel Applaus bedacht.Die märchenhafte Zeit hat jedenfalls mit der Aufführung "Alles Märchen - Oder waaas?!" jäh ihr Ende gefunden. Rotkäppchen beispielsweise trinkt lieber harte Sachen und zankt mit ihrer ungepflegten Mutter Chantal, als zur Schule zu gehen. Von der Mutter mit dem Hinweis auf drohenden Laptop-Entzug zum Besuch der Oma genötigt, beschließt die Göre, der alten Dame Wodka mitzubringen: "Damit sie sich mal richtig die Kante geben kann." Auf dem Weg begegnet dem Mädchen der Türsteher und Kleinganove "Wolle" (der böse Wolf), gegen dessen abgedroschene Anbaggersprüche sich das Mädchen keck zu wehren weiß.

Doch mit dem Besuch bei Oma im Altersheim hat sie ihn auf eine Idee gebracht, und der zwielichtige Bursche wendet bei der ahnungslosen Seniorin den Enkeltrick an, um sie hemmungslos auszunehmen. Mutter Chantal hat inzwischen bei einem Deal mit "Lucky Hans" einen wertlosen Akkustaubsauger gegen einen wertvollen Lotterieschein getauscht. Auch "Wolle" trifft auf den glücklichen Hans, und der Tauschhandel zu Ungunsten des naiven Jünglings geht weiter.

Hänsel und Gretel schwänzen, wie Rotkäppchen, die Schule. Eltern, die das interessiert, sind nicht vorhanden. Vom Moderatorenteam als "asoziale Subjekte, die einen gemeinen Mord an einer alten Dame begehen" bezeichnet, gehen die beiden auf Sauftour. Der italienische Märchenexperte Angelo ist hiermit nicht zufrieden, ereifert sich und greift in die Märchenhandlung ein.

Als Beatboxer aus den "italienischen Bronx" ("wie die in New York, nur heißer") unterstützt er Rapper Hänsel bei seinem Song, was von Kollegin Dr. Grimmig als "vollkommen niveaulos" bezeichnet wird. Generell ist Prof. Angelo mit dem Verlauf der Geschichte unzufrieden: "Hier werden Dinge miteinander vereint, die nicht zusammengehören. Oder ist der Bösewicht als Wiederholungstäter in jedem Märchen stets der Gleiche?"
"Wolle", den bösen Wolf, interessiert das Philosophieren nicht. Als Türsteher trifft er während einer Castingshow im "Witchhouse" auf die hübsche Stella, die Stiefschwester von "Asipussy" (Aschenputtel), und verliebt sich Hals über Kopf.

Der Märchenexperte Dr. Dr. Angelo ist unzufrieden mit dem Verlauf der ErzählungDen Märchenexperten Grimmig und Angelo fehlen die Romantik und ein Happy End. Ihr Fazit: "Aschenputtel hat ihren Prinzen noch nicht gefunden, während ihre Schwester eine Affäre mit dem Fleischwolf hat." Doch der Prinz kommt nicht, ist er doch noch mit Rapunzel beschäftigt, die Probleme mit ihren Extensions (Haarverlängerung) hat. Am Ende der Aufführung stellen sich die Schauspieler die Frage: "Ist das wirklich alles?" Oder hat das Leben doch mehr (Märchenhaftes) zu bieten?

Mit reichlich Applaus vom Publikum und einer Lobrede von Schulleiter Dr. Gerald Lohwasser ging eine gelungene Vorführung zu Ende, bei der lediglich die Akustik im hinteren Bereich der Aula zu bemängeln war.

 

(Mit freundlicher Genehmigung des Haigerer Kuriers, Text und Fotos: Ute Jung.)