Textorschüler überzeugen in Haiger

Haiger, 12.05.2014

Das Mädchen Anne Gynt lebt in einer Traumwelt. In ihrer Phantasie kann sie der rauen Realität entfliehen. Dann wachsen Anne Flügel, die sie über den Alltag in einem ärmlichen Zuhause hinwegfliegen und echte Heldengeschichten erleben lassen. Doch immer wieder wird sie von der bitteren und kalten Realität des Lebens in einem norwegischen Dorf eingeholt, in dem die Bewohner wenig Verständnis für Annes Lügengeschichten haben.

Die Theatergruppe "Darstellendes Spiel" der Jahrgangsstufe 9 der Haigerer Johann-Textor-Schule führte am Freitag- und Samstagabend in der schuleigenen Aula das Theaterstück "Gynt" auf, ein Schauspiel, das im Original von Henrik Ibsen stammt. Für die Regie zeichnete Lehrer und Regisseur Thorsten Tobor verantwortlich.

Bereits am Freitag waren 160 Besucher in der Aula anwesend, die am Ende den Darstellern eifrig applaudierten. "Das war eine hervorragende Leistung und eine tolle Inszenierung", lobte auch Anette Fritsch, Pädagogische Leiterin der Schule.

Anne Gynt - Darstellendes Spiel 2014Lynn Reumermann war Anne Gynt - keine leichte Rolle. Die Neuntklässlerin musste das Mädchen - manchmal überberstend vor Temperament und Glück - genauso überzeugend darstellen wie die alte, vom Leben enttäuschte und kranke Anne, die weiß, dass nur noch der Tod auf sie wartet. Dazu hatte die Schülerin noch eine Menge Text zu bewältigen. Lynn Reumermann meisterte ihre herausfordernde Rolle sehr gut. Weitere Rollen füllten Luiza  (Aase Gynt), Büsra (Kari), Nils (Lars Solveig), Vanessa (Haegstad-Bäuerin/eine Russin), Till (Sven), Sophie (Martha Moen/Yasmina), Chantal (Frida/eine Amerikanerin), Anne (Helga/eine Deutsche), Stine (Lina/2. Hoftroll), Silvana (Dovre-Königin), Leon (Grüngekleideter/Pascha), Merle (1. Hoftroll/ein böses Mädchen), Rebekka (eine Französin), Lina (Begreifnix), Jennifer (die Krumme) und Lisa (die Knopfgießerin). Die Schüler probten erst seit Beginn des Schuljahres miteinander. "Ihr seid zusammengewachsen und über euch hinausgewachsen", attestierte Fritsch den Mitwirkenden.

Einmal mehr war es kein leichter und seichter Stoff, den Tobor mit den Schülerinnen und Schülern umsetzte. Ähnlich wie die begleitende Musik von Smetanas "Peer Gynt" zu Liedern von Rammstein wechselte, waren auch die Szenen der Aufführung wechselhaft und manchmal etwas verwirrend.

Anne verführt einen jungen Mann kurz vor dessen Eheschließung. Sie trifft auf Trolle und zeugt ein Kind mit dem Sohn der Trollenkönigin. Die Dorfbewohner jagen die junge Frau aus dem Ort. Doch sie kehrt zu ihrer Mutter zurück, die verhärmt und elend im Sterben liegt. Eindrucksvoll, wie die junge Frau diese letzte Reise ihrer Mutter begleitet. Als sie ein kleines Kind war, hatte die Mutter abends stets als Kutscher am Bett gesessen und Anne mit ihren Erzählungen in das Reich der Phantasie geführt. Nun ist es umgekehrt: Anne ist die Kutscherin, die ihre Mutter auf der Reise zu einem wunderschönen Schloss begleitet. Doch gerade als Anne an der Pforte des Schlosses anklopfen möchte, bittet die Mutter sie weiterzufahren: "Ist es noch weit bis zum Meer? Das möchte ich noch sehen." Anne ist untröstlich, als ihre Mutter auf dieser Reise stirbt.

Anne Gynt - Darstellendes Spiel 2014Wer war diese Anne Gynt, die phantasievoll und unschuldig sein konnte, aber auch kalt und berechnend - jedoch stets auf der Suche nach ihrem wahren Ich? Warum folgten den wenigen äußerst glücklichen Momenten in ihrem Leben stets die bittersten Erfahrungen? Warum suchte sie stets die Nähe der Menschen, die sie doch nur ausnutzen wollten? Anne war Schiffsbesitzerin, Königin, Prophetin - und am Ende doch nur sie selbst. Anne hatte die ganze Welt bereist, hatte Marokko und Ägypten ebenso kennengelernt wie Amerika - doch Heimat fand sie nirgends. Anne war bettelarm und wurde steinreich - im wahren Sinne des Wortes -, um durch Naivität und Liebestrunkenheit wieder alles zu verlieren. Am Ende kehrte sie gebrochen, alt und krank in ihr Heimatdorf in Norwegen zurück. Irgendwann in ihrem Leben, in dem sie sich in 1000 Rollen übte, wird ihr klar: "Ich will nur Anne Gynt sein."

Das sagen "die anderen" über sie: "Betrunkene Sau" - "Du bist zu wild" - "Anne ist kein schlechtes Mädchen" - "Sie war eine Dichterin". Das sagt Anne über sich: "Ich bin wie eine Zwiebel, war Prophetin, Forscherin, Händlerin. Doch wenn man eine Hülle nach der anderen entfernt, kommt kein Kern zum Vorschein."
Am Ende trifft sie ihre wahre, ihre einzige Liebe wieder, kurz, bevor der Tod sie holen will. Lars, in den sich Anne als junges Mädchen auf den ersten Blick verliebte und von dem sie sich trennte, um ihn zu schützen - dieser Lars hat sein Leben lang auf sie gewartet. Anne ist beschämt und traurig, dass sie zu spät kommt. Doch Lars wehrt ab: "Du bist nicht zu spät. Weil du in meinem Herzen warst, in meinem Glauben, meinem Hoffen und meinem Lieben. Dort habe ich mir Anne Gynt bewahrt." So findet Anne Gynt am Ende doch noch ihr Glück.

(Mit freundlicher Genehmigung des Haigerer Kuriers, Text und Fotos: Ute Jung.)