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Pfiffige Rentner braucht das Land

Haiger, 27.01.2010
Montagmorgen, minus 2 Grad, Schneegeriesel liegt in der Luft. Mit einem Wort: Sauwetter! Auf dem Gelände des Hauptschulzweigs der Haigerer Johann-Textor-Schule sind dennoch einige Schüler eifrig dabei einen Weg auszuheben. Sie tragen Handschuhe und der Atem steigt kalt als Nebel in die Luft. "Die wollen das so", kommentiert Hauptschullehrer Alexander Schüler den Einsatz der Teenager. "Ich hatte ihnen Aufgaben für innen gegeben, aber die Jungs hatten schon die Schaufeln in der Hand."
Was die Schüler so engagiert und motiviert an die Arbeit gehen lässt, ist ein Hauptschul-Projekt, das von den Lehrern Sascha Großer und Alexander Schüler ins Leben gerufen wurde. Im Rahmen des Wahlpflichtunterrichts und der Arbeitslehre im neunten Schuljahr wird montags die Schule für vier Stunden zum Arbeitsplatz. Orientieren können sich die Jugendlichen in verschiedenen Bereichen wie etwa Hoch- und Tiefbau, Elektronik, Schreinern, Kochen, Frisieren...
Im Hauptschulgebäude befindet sich eine Großbaustelle im Obergeschoss. Der Geruch nach Baustaub und Farbe ist schon im Treppenhaus wahrnehmbar. In einem kleinen Zimmer - abgeschirmt vom Baulärm - hocken in der Regel fünf Jungs, die Nasen tief ins "Tabellenbuch Elektronik" gesteckt. Jürgen Klaas, ein 62-jähriger Elektriker in Altersteilzeit, sitzt am selben Tisch und erklärt den Jungs geduldig alles, was sie zu Strom, Widerständen und Kabelverlegen wissen wollen. Der Rentner aus Langenaubach war durch Zeitungsartikel auf das 2009 gestartete Projekt aufmerksam geworden und engagiert sich seit den letzten Sommerferien für die Hauptschüler. Er tut dies ehrenamtlich und mit großer Begeisterung. Praxiserprobt ist der sympathische Rentner durch 46 Jahre als Elektriker. 36 Jahre war er bei ThyssenKrupp beschäftigt und anschließend weitere zehn Jahre beim Kabelwerk Thielmann.

Jürgen Klaas erklärt Sedat Kurt, wie eine Steckdose montiert wird.

Bevor Klaas die Teenager auf der Baustelle praktisch arbeiten lässt, erklärt er ihnen, was heute gemacht wird. Die dazugehörige Theorie müssen sich die Schüler teilweise selbst erarbeiten. Außerdem sollen siegewissenhaft Tagesberichte des Gelernten schreiben. Der nette Rentner muss auch manchmal Autorität zeigen und sogar Hausaufgaben geben, denn zum Schuljahresende wird eine Note für dieses Projekt im Zeugnis stehen. "Anfangs gab es manchmal kleine Respektlosigkeiten, aber das hat sich längst gelegt", meint Jürgen Klaas, der sich sehr darüber freut, dass der ein oder andere bereits Arbeits- oder Lehrstellen in Aussicht hat.
Genau da ist das Ziel des Pilotprojekts. Es soll Hauptschülern bei der Berufsorientierung helfen und den Teenagern praktische Fähigkeiten vermitteln. Ins Leben gerufen wurde es 2009, als nur acht der 54 verabschiedeten Hauptschüler direkt nach ihrem Abschluss eine Lehrstelle bekommen hatten. Die Schüler wissen, weshalb sie so eifrig arbeiten. Der 15jährige Paul hat das Erlernte sehr gut bei Einstellungstests brauchen können. "Ich war dort der Einzige, der Kabel isolieren und Steckverbindungen herstellen konnte", freut sich Paul, der eine Lehrstelle schon ziemlich sicher hat.
Nach der Theorie geht es auf die Baustelle zum "Schlitze-kloppen". Eifrig mit Hammer und Meißel arbeitend, bereiten die Schüler die Kabelverläufe in der Wand vor. "200 Meter Kabel liegen schon, alles was man da so braucht, auch Netzwerkkabel", berichtet "Bauleiter" Klaas. Auch die Schüler anderer Gewerbe sind dort emsig bei der Arbeit. 136 Quadratmeter Speicher- und Wohnfläche werden komplett renoviert. Den Jugendlichen macht die Arbeit Spaß. Endlich weiß so mancher, wofür er die ärgerlichen Mathe-Formeln für Flächenberechnung oder Dreisatz braucht.

Muhammed bei der Arbeit an einer Stromleitung.

"Eine zweite Gruppe für Elektronik aufzumachen wäre toll, nur bräuchten wir weitere Mitarbeiter", träumt Jürgen Klaas, denn manchmal weiß er nicht, wo ihm der Kopf steht. Er kann nicht überall gleichzeitig helfen. Sein 21-jähriger Sohn hat seinen Vater schon mal unterstützt, wenn es ganz eng wurde. "Man will den Jungen doch helfen", erklärt Klaas und bricht eine Lanze für die Teenager: "Man sollte nicht immernur über die Jugend motzen, sondern auch was tun."
Das Konzept der Hauptschullehrer geht auf, denn schon ein Jahr nach Einführung dieses Projekts sind mehr als doppelt so viele Hauptschüler an Lehrbetriebe vermittelt worden als noch vor einem Jahr. "Die breite Masse der Bevölkerung schimpft über die schlechten Schüler, aber macht nichts. Mit Jürgen Klaas haben wir einen Menschen gefunden, der sich über alle Maßen einsetzt. Denn auch nach Schulschluss investiert er oft noch seine Zeit für Materialbeschaffung oder Besprechungen. Das Gefühl, etwas Gutes bewirkt zu haben, ist oft mehr wert als Geld. Es wäre schön, wenn wir mehr Rentner wie ihn zu dieser ehrenamtlichen Tätigkeit herausfordern könnten.", wünscht sich Alexander Schüler.
Klaas bringt auch sein Werkzeug mit, das er den Schülern zur Verfügung stellt, wie übrigens fast alle ehrenamtlichen Helfer des Projekts. Die Schule besitzt zwar einen speziellen Werkzeugkoffer für die Elektroniker, aber dieser reicht nicht aus. Wenn zwei Jungen bei der Arbeit gleichzeitig ein Werkzeug benötigen, kommt es schon zu Engpässen.
Wünschenswert wäre eine stärkere finanzielle Unterstützung durch die politisch zuständigen Stellen. Denn die sind voll des Lobes für das Haigerer Vorzeigeprojekt. Nur positive Worte fanden unter anderem die hessische Kultusministerin (Dorothea Henzler) und Klaus Repp, der Präsident der Handwerkskammer Wiesbaden, bei Besuchen in der Johann-Textor Schule.
(Haigerer Kurier, 27.01.2010, Text und Fotos: Ute Jung)

Zuletzt aktualisiert am Mittwoch, 11. April 2012 21:21

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